Heiliger Isidor von Sevilla

ISIDOR, Erzbischof von Sevilla, Heiliger *
um 560 in Cartagena Isidor entstammte einer vornehmen Familie, die in der Mitte des 6. Jahrhunderts aus Cartagena (Südostspanien) nach Sevilla übersiedelte; wahrscheinlich erfolgte die Ausweisung auf Veranlassung byzantinischer Behörden. Isidors älterer Bruder Leander war Bischof im westgotischen Sevilla, sein zweiter Bruder Fulgentius Bischof von Astigi, seine Schwester Florentina wurde Nonne. Als Nachfolger seines Bruders Leander wurde Isidorum 599/601 Metropolit von Sevilla. Bis zu seinem Tod förderte Isidor die asketische und wissenschaftliche Ausbildung der Geistlichen und die Gründung entsprechender bischöflichen Schulen (in Sevilla, Toledo, Saragossa u. a.), die er mit reichen Bibliotheken ausstattete. Des weiteren beeinflußte er die spanische Geschichte maßgeblich; sein Vorsitz beim 4. Reichskonzil zu Toledo (633) gibt davon ein eindrucksvolles Zeugnis. Vor allem aber erreichte Isidor mit seinem umfangreichen schriftstellerischen Schaffen eine außergewöhnliche Bedeutung. In seinen Werken - überliefert in über tausend Handschriften und zahlreichen Drucken - behandelt Isidor naturwissenschaftliche, grammatische, historische und theologische Themen. Die bedeutendste Schrift in der Reihe der naturwissenschaftlichen Werke ist die für König Sisebut geschriebene "Etymologiae" (auch "Origines" genannt; um 630 abgeschlossen) , die Isidors Schüler und Freund Braulio in zwanzig Bücher einteilte und herausgab. Diese "Etymologiae" fassen als eine Realenzyklopädie das gesamte weltliche und geistliche Wissen der Zeit zusammen; sie bieten die systematische Aufarbeitung der septem artes liberales und einen Abriß der bis dahin bekannten Weltgeschichte. Das "Grundbuch des ganzen Mittelalters" (E. R. Curtius), aus vielerlei Vorlagen kompiliert, erläutert Naturphänomene wie Sonnen- und Mondfinsternis, Tag und Nacht, Erdbeben usw. und bietet Erklärungen für nahezu alle Bereiche der menschlichen Existenz, wie etwa Sprache und Grammatik, Rechte und Pflichten. Aber auch auf Entlegeneres [Sp. 1375] weitet Isidor das Blickfeld aus: so verurteilt er z. B. strengstens das Theaterwesen. Wie in den "Etymologiae" nimmt Isidor auch in der Sisebut dedizierten Schrift "De natura rerum" eine knappe Darstellung der Naturereignisse vor. In gewisser Hinsicht wird diese Arbeit ergänzt durch "De ordine creaturarum", ein Werk, das ebenfalls ausführlich auf die Welt des Geistigen und der materiellen Sprache eingeht. Dabei wird allerdings das Naturwissenschaftliche zugunsten des Lebens nach dem Tod (Fegefeuer, Paradies, Jüngstes Gericht) eher marginal behandelt. Anhand der Methode der Begriffsherleitung ist Isidor den Sinngehalt wichtiger, zentraler Begriffe klarzulegen bemüht. In der Etymologie sieht Isidor eine der Lehrweisen, um über die Sprache den Weg zur Erkenntnis zu finden. Diesen Ansatz wählte Isidor auch für das grammatische Werk "Differentiae", dessen Buch I und II in alphabetischer Folge eine Gruppe von Wortarten zum entsprechenden Begriff stellt. Anders als der Titel "Synonyma" vermuten läßt, werden hier nicht Lexeme subsummiert; vielmehr beklagt eine sündige Seele das menschliche Elend, und zwar in jeder Redeeinheit mit synonymen Ausdrücken. Dieses zweibändige, weitgehend philologisch orientierte Werk verbindet - unter häufigen zeitkritischen Einschüben - das Pädagogisch-Philologische mit dem Ethisch-Religiösen. In den geschichtlich ausgerichteten Schriften stellt Isidor historische Persönlichkeiten vor. So wird in "De viris illustribus" biographisches und hagiographisches Material über vornehmlich afrikanische und spanische Schriftsteller des 6.- 7. Jahrhunderts geboten. Für diese frühe christliche Literaturgeschichte benutzte Isidor als Quelle das gleichnamige Werk von Hieronymus und Gennodius von Marseille; manches aber erhielt er auch von Papst Gregor den Großen, den Isidor als "papa Romanae sedis apostolicae praesul" (De viris, cap. 40) würdigt. Über die Herrscher dreier Völker seit dem 4. Jahrhundert berichtet Isidor in der "Historia de regibus Gothorum, Vandalorum et Sueborum", wobei sich alleine 70 der in 92 Kapitel eingeteilten Schrift auf die Goten beziehen. In der Weltchronik, der "Chronika maiora", weist Isidor in Anlehnung an die Augustinische Lehre von den sechs Weltzeitaltern warnend auf das "residuum saeculi tempus" hin. In erster Linie aber schreibt Isidor als Theologe. Mit seinen dogmatischen und exegetischen Werken beein- flußte Isidor maßgeblich die Glaubens- und Sittenlehre bis in späte Mittelalter. Sein theologisches Hauptwerk, die als Handbuch konzipierte, moraltheologisch ausgerichtete Schrift "Sententiarum libri tres", befaßt sich mit der Kirchenlehre, [Sp. 1376:] dem christlichen, ethischen Handeln und der kirchlichen Organisation. Besonders stellt sie die karitative Aufgabe des Klerikers in den Vordergrund (Gebot der Nächstenliebe). Als Vorlage fungierten hier die "Moralia in Job" Gregors des Großen. Der kirchlichen Lehre und Praxis widmen sich die Schriften "De haeresibus" und "Indiculus de haeresibus". Juden und Heiden, die vom christlichen Glauben Abgewichenen, werden streng verurteilt, doch die Anwendung physischer Gewalt zur Zwangsbekehrung lehnt Isidor entschieden ab. Weiterhin gehören zu den Schriften, die die praktische Theologie beinhalten, die zwei Bände "De ecclesiasticis offlciis" (neben Klerikern wird auch Jungfrauen, Witwen und Verehelichten besondere Aufmerksamkeit geschenkt) und die Mönchsregel "Regula monachorum". Isidor nimmt darin eine augenfällige Einschränkung vor. Mönche haben ungeachtet ihrer klerikalen Aufgabe auch Handarbeit zu verrichten, hingegen sei die grobe Arbeit von Klostersklaven zu leisten. Ihnen wiederum wird aus- drücklich die wirtschaftliche Versorgung im Monasterium zugesichert. Eine Exegese biblischer Texte unternimmt Isidor in den "Questiones in vetus testamentum"; ein Lehrer stellt Fragen zu biblischen Gegenständen. Dabei orientiert sich Isidor vornehmlich an Autoritäten wie Origines und besonders an Gregor den Großen. Biographisches Material zu 86 Personen der Bibel stellt Isidor in der Arbeit "De ortu et obitu patrum" zusammen, wobei Isidor für die Hauptgestalten des Alten Testaments die MöglichkeIten ihrer typologi- schen Deutung aufzuzeigen beabsichtigt. Die Schrift "De flde catholica ex veteri et novo testamento contra Judaeos", der Schwester Florentina gewidmet, weist in den Texten des Alten Testaments typologische Entsprechungen Christi nach. Diese Arbeit Isidors ist, -um nun kurz die Wirkungsgeschichte zu umreißen-, bereits im 8. Jahrhundert ins Althochdeutsche übertragen worden. Bei der Übersetzung, die in zwei Handschriften vorliegt (Bibl. Nat, Paris; Nationalbibl. Wien) handelt es sich um Ab- bzw. Umschriften von bilinguen Vorlagen; die Schriften dieser sogenannten "Isidor-Gruppe"" sind die „ältesten Zeugnisse einer theologischen Übersetzungsliteratur in deutscher Sprache aus dem 8./9. Jahrhundert. Der (unbekannte) Übersetzer ist im Kreis um Alkuin zu vermuten; der Dialekt läßt sich nicht exakt bestimmen, man bezeichnet ihn daher als "Isidorsprache". Isidor hat auf die folgenden Jahrhunderte eine immense Wirkung ausgeübt. Seine Leistungen als "letzter abendländischer Kirchenvater" sowie seine Ausstrahlung auf die Welt des Mittelalters sind ohne [1377:] Zweifel von nicht zu unterschätzender Bedeutung. In Anerkennung seiner Verdienste um die Festigung der Macht der spanischen Könige und um die Einigkeit der frühchristlichen Kirche pries bereits das 8.Toletanum (653) Isidorals "nostri saeculi doctor egregius, catholicae ecclesiae novissimum decus" (s. v. Schubert, 183). Isidors Schriften fanden schon früh Verbreitung. In Irland wird um 650 die Benutzung seiner Werke bezeugt. Von hier aus ging ein großer Teil des isidorischen oeuvres ins übrige Europa. In der Zeit des 15./16. Jahrhunderts klang dann das Interesse an Isidors Schriften ab. - Ferdinand von Kastilien und Léon (1035-1065) ließ Isidors Reliquien von Sevilla nach Léon (Nordspanien) überführen; später wurde hier die Stiftskirche San Isidore errichtet. Zusammenfassend kann Isidors Wirken und Bedeutung wie folgt umrissen werden: er verknüpfte das frühe Mittelalter mit der Bibelwissenschaft und der Theologie der Patristik; er hat zum Verständnis der antiken Überlieferung erheblich beigetragen und schließlich hat er erfolgreich das System der septem artes liberales tradiert. - Isidor wurde 1598 heilig gesprochen und 1722 zum Kirchenlehrer ernannt. Er wird dargestellt als Bischof in weißem Gewand mit Buch und Federkiel. © Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Bd. 2. Herzberg 1990. Sp. 1374-1379
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